Die Seele des Dialogs – Ein Fallbeispiel zum Dialogschreiben

Wenn zwei dasselbe sagen, sagen sie nicht das Gleiche. Das ist so ziemlich das Wichtigste, das du über das Dialogschreiben wissen solltest. Der Dialog ist die hohe Kunst – und das Element, das einen Roman richtig lebendig macht. Wie das geht und was du in einem Dialog schreiben kannst? Ich gebe dir heute ein Fallbeispiel dafür, was du alles in einem Dialog unterbringen kannst.

Die Figuren reden, und nicht du

Auch nicht der Erzähler. Deshalb ändert sich im Dialog die Sprache, sie wird direkt und schnell. Wenn du das nächste Mal bei einer Familienfeier oder einem stinklangweiligen Meeting im Büro sitzt, nutze die Zeit und höre mal gut zu. Nicht notwendigerweise auf den Inhalt, denn meistens geben die bekannten Leute eh die immer gleichen bekannten Sprüche von sich, sondern achte darauf, wie sie sprechen. Da gibt es die Respektvollen, die die Argumente ihres Vorredners aufnehmen und weiterführen. Die Dazwischenquatscher, die niemanden ausreden lassen, oder die Selbstdarsteller, die unter drei Minuten Redezeit nicht wegkommen. Die Kongenialen, die sich die Bälle förmlich zuspielen. Aber keiner von ihnen spricht, als ob er die Zeitung oder Ulysses vorläse.

Wie eine Figur spricht, hängt von ihrem Charakter ab

Ich gehe davon aus, dass du mittlerweile für deine wichtigsten Figuren Fact Sheets angelegt hast. Wenn du noch nicht weißt, was das ist, dann hole dir unbedingt den Crashkurs In 60 Minuten zu einer komplexen Figur. Denn wenn du einen packenden Dialog schreiben willst, brauchen die beteiligten Figuren eine eigene Sprache.

Ich zeige dir an einem Fallbeispiel, was ich meine. Die Passage stammt aus meinem Roman Das Gift der Schlange:

»Nütze den Tag, um dich in der Stadt umzuhören! Ich will wissen, ob man außerhalb des Schlosses bereits über Diethards Ermordung redet.«
»Geht klar. Übrigens faselt irgendein Bauer etwas über die Schlangen.«
Della Motta verdrehte die Augen. Hätte Giacomo ihm das nicht bereits gestern sagen können?! »Hast du ihn gesehen?«
»Nein, aber Marie, eine wirklich fesche Blonde, ich sage Euch, die kann …«
»Erspare mir deine Frauengeschichten!«
»Verzeiht! Also diese Marie hat mir von ihm erzählt.«
»Und was genau hat sie dir gesagt?«
»Dass die Schlangenbrüder wegen Leopolds Tod kämen.«
»Was weiß ein Bauer über den Schlangenorden?«
»Vielleicht hat er zufällig davon gehört und will sich wichtig machen?«
»Der Bund arbeitet im Geheimen. Von dem hört man nicht zufällig.«
»Dann gehört er eben selber dazu.«
»Suche den Bauern und finde heraus, mit wem er Kontakt aufnimmt!«

Es handelt sich um ein Gespräch zwischen dem Marchese und seinem Diener, und nur ein einziges Mal steht explizit da, wer was sagt. Aber du kannst es an mehreren Details erkennen:

Das soziale Gefälle

Der Marchese spricht gehobenes Deutsch (mit Giacomo eigentlich Italienisch, aber das würden die Leser kaum verstehen 😉 ). Bewegt er sich am Hof, ist es übrigens noch geschliffener, doch wir befinden uns hier im privaten Bereich. Giacomo verwendet umgangssprachliche Begriffe, die dem Marchese nicht im Traum einfielen. Ein Bauer „faselt“, Giacomo hat eine „wirklich fesche Blonde“ getroffen und jemand „macht sich wichtig“. Würde der Marchese denselben Sachverhalt ausdrücken, würde der Bauer vermutlich „fantasieren“, das Mädchen wäre eine „ausgesprochen hübsche Magd“ (wenn sie ihm überhaupt aufgefallen wäre) und der Unbekannte versucht, „sich Aufmerksamkeit zu verschaffen“.

Der Rahmen

Trotzdem reden beide sehr natürlich, Giacomo fast, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Das ist ein Hinweis auf den sehr vertraulichen Umgang miteinander. Obwohl vom Inhalt her – der Marchese erteilt Befehle, Giacomo führt sie aus – klar ist, wer das Sagen hat, muss sich der Diener kein Blatt vor den Mund nehmen. Er ist ein sogenannter Confident, der Vertraute der sozial höher stehenden Hauptfigur, und der Marchese lässt ihn näher an sich heran als alle anderen.

Die schnelle Wechselrede

Sind Figuren durch ihre Sprache gut charakterisiert, kannst du dir die schnelle Wechselrede erlauben und beim Dialogschreiben auf Inquit-Formeln (er sagte) verzichten. Das beschleunigt das Tempo und empfiehlt sich vor allem bei Streitgesprächen oder sehr spannenden Stellen. Oder wie hier beim raschen Informationsaustausch vor einem Einsatz des Marchese. Die Zeit drängt, es ist kein Raum für ausführliche Auseinandersetzungen (deshalb auch der genervte Gedanke des Marchese), sondern hier muss rasch entschieden und gehandelt werden. Der Marchese drängt, er schneidet Giacomo das Wort ab und will nur das Wesentliche erfahren. Du siehst, wie er tickt: Information – sehr schnelle Verarbeitung – Handlungsanweisung. Diese rasche Auffassungsgabe und blitzschnelle Entscheidungen gehören zu seinen Kerneigenschaften, seine Gegenspieler brauchen für denselben Prozess um einiges länger.

Nicht denken, spüren

Das Schöne ist: Wenn du deine Figuren gut ausgearbeitet hast, dann ergeben sich solche Dialoge von ganz alleine. Na gut, vielleicht nicht ganz von alleine 😉 Ein bisschen Schizophrenie gehört zum Schreiben nämlich dazu, du musst während des  Dialogschreibens immer zwischen den beiden Figuren hin und her springen. Wenn Figur A etwas sagt, musst du ganz in Figur A sein und wenn Figur B ihr antwortet, schlüpfst du in B. Schreibe deine Figuren von innen heraus, nicht aus der Draufsicht, dann fühlst du auch, was sie sagen. Sagen müssen!

Das Zweischritt-Verfahren beim Dialogschreiben

Ich schreibe all meine Texte in mehreren Durchgängen, aber beim Dialog ist das geradezu unerlässlich. Zuerst brauchst du die Rohfassung, bei der du wie gesagt spüren musst. Wenn du in diesem Stadium zu viel denkst, wird der Dialog hölzern, und das ist genau das, was du nicht brauchen kannst. Also erst die Rohfassung, ganz aus dem Spüren heraus. Und wenn die Szene fertig ist, gehst du nochmals drüber und besserst nach. Dann überprüfst du, ob die Sprache tatsächlich stimmt, ob der Diener wirklich flapsig redet und der Herr eine geschliffene Sprache pflegt. Oder einen Intellektuellenjargon, oder ob es nach Gänschenstall, oder was immer du für deine Figuren brauchst.

Also dann, beobachte Leute beim Sprechen und kümmere dich um die Charaktere deiner Figuren. Und dann geht’s los. Über das Dialog Schreiben werden wir noch oft reden, denn ich liebe Dialoge! Du auch? Schreib doch in den Kommentar, wie du deine Figuren sprachlich voneinander abgrenzt, gerne auch mit einem kurzen Beispiel 🙂 Ich bin gespannt!

Und jetzt? Viel Spaß beim Schreiben!

ls-unterschrift

Bild: © ysbrandcosijn – Fotolia.com


2017-03-30T12:50:40+00:00